Sorge um den Bestand

Ulf Meyer
5. enero 2021
„Unit Urban Mining“ von Werner Sobek für die Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (EMPA) in Dübendorf nahe Zürich (Foto: Zooey Braun)

Der BDA fordert eine Kehrtwende im Bauen. Künftig soll in Deutschland nach Möglichkeit am Gebäudebestand weitergebaut werden, Neubauten sind zu vermeiden. Dazu wurden zehn Strategien entwickelt und in einer Ausstellung präsentiert. Ulf Meyer hätte sich konkrete Architekturbeispiele gewünscht.

In Deutschland gibt es 42 Millionen Wohnungen in 19 Millionen Gebäuden. Der richtige Umgang mit dem Gebäudebestand spielt für den Klimaschutz wie auch einen verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen eine zentrale Rolle. Eine Kultur des Weiterbauens wäre in gleichem Maße baukulturell, ökonomisch und ökologisch sinnvoll. 

„Ziel der deutschen Bundesregierung ist ein nahezu klimaneutraler Gebäudebestand bis zum Jahr 2050. Um das zu erreichen, müssen die C02-Emissionen bis 2030 fast halbiert werden. Als größter öffentlicher Bauherr in Deutschland steht der Bund dabei zu seiner Vorbildfunktion“, so sagt Anne Katrin Bohle, Staatssekretärin im Bundesministerium des Innern, dazu staatstragend. Dass das Bauen im Bestand ein großes Thema (nicht nur) für deutsche Architekt*innen ist, ist eigentlich seit vielen Jahren allen klar. Dennoch wird noch zu oft ein Abbruch mit anschließendem Neubau vorgezogen. Darum wirft der Bund Deutscher Architektinnen und Architekten (BDA) in seiner neuesten Ausstellung mit dem Titel „Sorge um den Bestand“ im Deutschen Architektur Zentrum (DAZ) in Berlin und in einer begleitenden Broschüre noch einmal ein Schlaglicht auf das Thema. Das Forschungsprogramm „Experimenteller Wohnungs- und Städtebau“, der Quell der Schau, wird durch das Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat finanziert. Der BDA und die Bundesregierung, vertreten insbesondere durch den zuständigen Minister Horst Seehofer (CSU), sind sich inhaltlich scheinbar nah. Auf dem Briefpapier des BDA verkündet zur Architekturausstellung die Juristin Bohle überraschend: „Die Bundesregierung kann heute eine erfolgreiche Bilanz ziehen. Alle zentralen Beschlüsse des Wohngipfels wurden umgesetzt oder sind auf den Weg gebracht.“

Beim Umgang mit dem Bestandsbauten gibt es in Deutschland Nachholbedarf. Der Eiermann-Bau in Apolda etwa steht seit mehr als zwanzig Jahren leer. (Foto: Thomas Müller)

„In zehn Strategien stellen Architekten und Urbanisten ihre Sorge um den Bestand vor“, schreiben die Veranstalter in etwas seltsamem Deutsch. Denn eine „Sorge für“ ist etwas anderes als eine „Sorge um“. Der BDA sorgt „sich um“. Doch damit nicht genug. Im Pressetext schreiben die Kuratoren, dass es ihnen um „ein Sorgetragen für den Gebäudebestand, soziale Strukturen und den Fortbestand der Erde“ gehe. Fast klingt es so, also würde die Erde aufhören zu existieren, wenn die „Zehn Strategien für die Architektur“ nicht beachtet und befolgt würden. 

Die sechste Strategie lautet beispielsweise: „Aus Donuts müssen Krapfen werden.“ Der Begriff „Donut City“ wurde erstmals vor sechzig Jahren für Houston / Texas verwendet und beschreibt, wie sich Innenstädte in Bürowüsten verwandeln, wenn jeglicher „Saft“ des städtischen Lebens an die Ringstraßen zentrifugiert wird. Mit „Krapfen“ meint der Autor dieser „Strategie“, der Kulturmanager Roland Gruber aus Kärnten, dass Innenstädte und Dorfzentren attraktiver gestaltet werden sollen und eine Portion Marmelade in die Mitte gehört, wo der Donut nur ein klaffendes Loch hat. Wer wollte da widersprechen?

Elke Krasny, eine Kulturtheoretikerin und Kunstpädagogin aus Wien, die zuvor für den BDA im DAZ die Ausstellung „Critical Care“ kuratiert hatte, ist auch wieder mit von der Partie bei der großen Sorge. 

Das Interesse der Kuratoren und Autoren am – zweifellos wichtigen – Thema wirkt soziologisch bis politisch, leider aber nicht architektonisch. Die interessanten architektonischen Ansätze werden nur gestreift und dienen allenfalls der Illustration der Thesen. Soziologie, Politik und Kulturwissenschaften sind zweifellos interessante Disziplinen – die Brücke zu unserer Profession zu schlagen, sollte der BDA jedoch nicht vorschnell aufgeben.

Hof Prädikow in Brandenburg wird als Testfeld für neue Wohnformen betrachtet. (Foto: Peter Ulrich)
Die Ausstellung ist bis 28. März 2021 im Deutschen Architektur Zentrum (DAZ) am Wilhelmine-Gemberg-Weg 6 in Berlin zu sehen. 
Weitere Informationen zur Schau und zum Thema

Friederike Kluge und Meik Rehrmann (Alma Maki, Countdown 2030), Verena Konrad (Vorarlberger Architektur Institut) und Martin Haas (haascookzemmrich STUDIO2050, Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen) haben in unserem fünften D-A-CH-Gespräch über klima- und umweltfreundliches Bauen diskutiert.

Forscher*innen der Universität Liechtenstein beschäftigen sich seit längerem mit der Wieder- und Weiterverwendung von Materialien und Bauelementen.

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