Postindustrieller Charme

Numrich Albrecht Klumpp Architekten
15. Januar 2020
Blick auf den Bildungscampus Wittstock/Dosse (Visualisierung: Burak Camgöz / NAK Architekten)

Numrich Albrecht Klumpp Architekten gewinnen den Wettbewerb um Umbau und Umnutzung Alte Tuchfabrik in den Bildungscampus Wittstock/Dosse - Schulzentrum. Tiemo Klumpp und Grant Kelly stellen sich unseren Fragen zum Wettbewerb.

Im brandenburgischen Wittstock/Dosse soll durch den Umzug der sehr beengten Diesterweg-Grundschule und Verlagerung der peripher gelegenen Dr.-Wilhelm-Polthier-Oberschule in der Alten Tuchfabrik am Dosseteich ein Schulzentrum entwickelt werden. Welche Ausgangssituation haben Sie vorgefunden?

Die Stadt Wittstock/Dosse will das Gelände der ehemaligen Wegenerschen Tuchfabrik, die Ende des 19. Jahrhunderts ihren Standort aus der beengten Innenstadt direkt vor die Befestigungsanlagen der Altstadt verlegt und bis ca 1918 massiv ausgebaut hatte, reaktivieren und dort ein Schulzentrum einrichten. Als erste Maßnahme sollen die beiden oben genannten Schulen in die vorhandenen baulichen Strukturen der Sheddachhalle und des Produktionsgebäudes verlegt werden. Als weitere Bauabschnitte sollen die Umnutzung der Direktorenvilla und des an der Straße gelegenen Verwaltungs- und Industriegebäudes von 1905 folgen.

Auf der konzeptionellen Ebene ist der riesige Komplex der alten Tuchfabrik neben der Marienkirche ein wichtiges Wahrzeichen mit großer physischer Präsenz im Stadtraum und durch das 6-geschossige Produktionsgebäude mit unglaublicher Fernwirkung in der doch eher kleinteiligen Stadt. Die Fabrik stand einst für die Zukunft und die Wirtschaftskraft von Wittstock und soll nun mit der geplanten Schulnutzung für zukünftige Generationen wieder einer der zentralen Orte in der Stadt werden. 

Auf baulicher Ebene findet sich auf dem seit 1994 aufgelassenen Gelände der typische Charme und die geheimnisvolle Magie solcher verlassenen ehemaligen industriellen Anlagen wieder. Die einst mächtige Bausubstanz befindet sich in unterschiedlichen Stadien des Verfalls und wirkt sehr stark angegriffen. Notdürftige Sicherungsmaßnahmen konnten nicht verhindern, dass sich die Natur den Ort inzwischen wieder zurückerobert. Dadurch steht das Ensemble natürlich in starkem Kontrast zum gerade neu hergestellten Park der Landesgartenschau und des gut erhaltenen und restaurierten Stadtkerns.

Bestand außen (Foto: Michael Filser / NAK Architekten)
Bestand innen (Foto: Michael Filser / NAK Architekten)
Luftbild (Grafik: Stadt Wittstock/Dosse)
Wie erschließen Sie das Schulzentrum?

Das neue Schulzentrum liegt etwas abseits der Hauptverkehrsstraße und wird aus mehreren Richtungen erschlossen. Fußläufig verbinden Übergänge über die Dosse das Gelände mit der Altstadt und dem Park entlang der Stadtmauer und leiten die Schüler zu den zwei Eingängen im Süden und Westen des Gebäudekomplexes. Die externen Schüler werden hoffentlich mit dem Bus kommen, für den in der Walkstraße eine neue Haltestelle geplant wird, von der aus der östliche Eingang des Schulzentrums benutzt werden kann. Diese drei Eingänge führen im Inneren auf eine horizontale erdgeschossige Erschließungsspange, die einerseits die Sheddachhalle und das Produktionsgebäude verbindet und andererseits den Ausgangspunkt für die neue vertikale Haupterschließung des 6-geschossigen Produktionsgebäudes bildet. Dadurch reagiert der Entwurf auf die komplexe städtebauliche Situation der unterschiedlichen Zugangsmöglichkeiten mit einer großen Durchlässigkeit im zentralen Bereich des Schulzentrums, die es zudem ermöglicht, die Nutzerwege zu entflechten ohne auf eine übersichtliche Wegeführung verzichten zu müssen.

Lageplan (Zeichnung: KuBuS Freiraumplanung + NAK Architekten)
Wie organisieren Sie die neuen Nutzungen?

Die räumliche Aufteilung und Anordnung des Programms muss natürlich auf die heterogene Altersstruktur der Schüler Rücksicht nehmen. So sind der Primar- und der Sekundarbereich als „Schulen in der Schule“ in eigenständigen Einheiten innerhalb des neuen Schulzentrums organisiert. Mit einem eigenen Eingang und einer eigenen internen Erschließung belegt die Grundschule die unteren drei Geschosse des Produktionsgebäudes. Die Oberschule ist analog in den letzten beiden Obergeschossen angeordnet und wird über einen neuen, außenliegenden Treppenturm separat erschlossen. Dieser ermöglicht eine Entflechtung der Schultypen und Altersgruppen, um möglichen Problemen, die aus der Durchmischung entstehen könnten vorzubeugen. Zwischen den beiden Schulen liegt im 4. Obergeschoss quasi auch als Puffer der gemeinsam nutzbare Fachklassenbereich. Die Schüler und Schülerinnen werden somit im Laufe ihres Schulbesuches im Erdgeschoss beginnend alle zwei Jahre eine Etage weiter nach oben ziehen und dabei sinnbildlich Stück für Stück eine Erweiterung ihres Horizonts erfahren.

Die Verwaltung erhält ihren eigenen Bereich im ehemaligen Kesselhaus. Zur Belichtung von Räumen über einen Innenhof müssen hier leider Teile der Maschinenhalle abgebrochen werden. 

Der Ganztagesbereich mit Mensa, Aula und weiteren Fachräumen liegt zentral im Erdgeschoss im Bereich der Sheddachhallen und kann auch als autarke Einheit unabhängig vom Schulbetrieb genutzt werden.

Diese Unterteilung in ablesbare und klar strukturierte Einheiten führt innerhalb des doch recht großen Komplexes zu einer hohen Identifikation und einer sinnvollen Unterteilung der Jahrgangsstufen.

Städtebau (Piktogramm: NAK Architekten)
Konzept (Piktogramm: NAK Architekten)
Können Sie uns durch das Schulzentrum führen, als ob es schon fertiggestellt wäre?

Es ist eine schöne Vorstellung, dass der Komplex schon fertig wäre. Allerdings werden wir bis dahin wahrscheinlich noch deutlich mehr graue Haare bekommen als wir jetzt schon haben. 

Hoffentlich wird man sich dann inmitten ganz vieler Schüler und Schülerinnen auf einen der drei Eingänge des Schulzentrums zubewegen. Auf dem gesamten Areal wäre nach wie vor der c spürbar und die historischen Spuren und Narben sichtbar. Die neuen Additionen und Einbauten wären klar wahrnehm- und ablesbar und das gleichzeitige Nebeneinander von Alt und Neu ergäben den wirklich einzigartigen Charakter dieses Schulhauses. Gefördert durch das neue pädagogische Konzept der Schule würden sich die Schüler*innen und Lehrer*innen die vielen gerade dafür geschaffenen Freiräume im Gebäude, wie die Foren oder die Treppenlandschaften aneignen und so den Unterricht lebendiger und vielfältiger gestalten können. Die neuen Einbauten aus Holz böten dabei die Möglichkeiten sich entweder in einer kleinen Gruppe im Forum zu treffen, sich in einer der vielen Nischen einem Einzelprojekt zu widmen oder klassenübergreifend auf den Sitzstufen der Treppen einem Vortrag zu lauschen. Für die Pausen und den Nachmittagsbetrieb ergäben sich in den alten Sheddachhallen spannende und anregende Räume, in denen unter anderem die Aula, die Mensa und die Bibliothek untergebracht sind. Als eigenständig nutzbarer Bereich könnte hier auch ein bis in die Abendstunden für die Stadt nutzbares Zentrum für Vorträge, Theateraufführungen und Weiterbildungsveranstaltungen entstehen und so das ganze Areal über die reine Schulnutzung hinaus zu einem gesellschaftlich besonderen Ort für Wittstock zu machen. 

Natürlich ist es bis zur Fertigstellung noch ein weiter Weg und wir können nur hoffen, dass das fertige Gebäude dann die sozialen Auswirkungen begünstigt, denn immerhin heißt es ja auch so schön, dass der Raum der dritte Pädagoge ist. Dafür lohnen sich dann ein paar weitere graue Haare. Denn gerade dieser Ort und dieses Projekt, „auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt“, hat natürlich nicht nur für die Stadt Wittstock Signalwirkung.

Grundriss Erggeschoss (Zeichnung: NAK Architekten)
Welches architektonische Thema war Ihnen besonders wichtig?

Zum einen war es uns wichtig aufzuzeigen, dass sich zeitgemäße pädagogische Anforderungen auch in einem denkmalgeschützten Industriegebäude umsetzten lassen. Die Cluster-Anordnung, bei der die Klassenräume um ein zentrales Forum gruppiert werden, bedingt normalerweise einen deutlich tieferen Baukörper als bei einer klassischen zweibündigen Flurschule. Die in der Auslobung geforderte Anordnung von 6 bzw. 7 Klassenräumen um das zentrale Forum ist innerhalb der Gebäudetiefe des Produktionsgebäudes ohne pädagogische Einbußen nicht darzustellen. Daher haben wir uns entschieden, die Cluster zu halbieren, um die geforderten Beziehungen der Klassenräume zum Forum gewährleisten zu können und um in den weiträumigen Geschossflächen intimere, aber doch großzügige Einheiten schaffen zu können.

Zum anderen soll die zeitliche Vielschichtigkeit und der räumliche Charakter dieses Ortes natürlich nicht „zugespachtelt“ werden, sondern weiterhin für die Nutzer erlebbar bleiben. Zugleich jedoch war es uns auch wichtig den historischen Spuren eine auch deutlich wahrnehmbare zeitgenössische hinzuzufügen. Vor allem auch um den erstaunlichen Nutzungswechsel von einer Tuch- und Möbelfabrik zu einer Schule von außen erfahrbar zu machen und die Transformation von einem historischen, halb verfallenen Gebäudeensemble zu einer Bildungsstätte für die Zukunft durch ein städtebaulich wirksames Zeichen darzustellen. Deshalb haben wir uns entschieden die neue Erschließung des Produktionsgebäudes als sichtbaren Turm vor die alte Fassade zu setzten.

Innenraum (Visualisierung: Burak Camgöz / NAK Architekten)
Gibt es schon einen geplanten Fertigstellungstermin?

Ein konkreter Fertigstellungstermin ist in den Auslobungsunterlagen noch nicht genannt worden.

Der Umbau der alten Tuchfabrik zu einem Schulzentrum stellt für die Stadt Wittstock/Dosse sicherlich eine riesige Herausforderung dar, die auch finanziell nicht einfach zu stemmen sein wird. Zu Ende des Jahres ist zuerst ein nachrangiges VgV-Verfahren geplant. Wir hoffen natürlich, dass wir die Stadt hierbei überzeugen können, den Weg mit uns weiter zu gehen. 

Umbau und Umnutzung Alte Tuchfabrik in den Bildungscampus Wittstock/Dosse – Schulzentrum
Nichtoffener Realisierungswettbewerb
 
Auslober/Bauherr: Stadt Wittstock/Dosse, Wittstock
Betreuer: Fiebig Schönwälder Zimmer, Berlin, Düsseldorf
 
Jury
Marcel Adam | Christoph Dieck | Bärbel Kannenberg | Prof. Jörg Springer | Pia von Zadow

1. Preis
Architekt: Numrich Albrecht Klumpp Architekten, Berlin
Landschaftsarchitekt: KuBuS Freiraumplanung GmbH & Co. KG, Wetzlar, Berlin

2. Preis
Architekt: ppp architekten + stadtplaner, Lübeck, Hamburg
Landschaftsarchitekt: arbos Freiraumplanung GmbH, Hamburg
 
3. Preis
Architekt: huber staudt architekten bda, Berlin
Landschaftsarchitekt: Weidinger Landschaftsarchitekten GmbH, Berlin
Brandschutzplaner: Ingenieure für Brandschutz Peter Stanek, Berlin

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