Dicht und zugleich radikal grün

asp Architekten / Koeber Landschaftsarchitektur
9. Oktober 2019
Blick vom Bahnhof in Richtung Rosenstein-Quartier (Visualisierung: asp Architekten GmbH / Koeber Landschaftsarchitektur GmbH)

Die Arbeitsgemeinschaft asp Architekten/Koeber Landschaftsarchitektur gewinnt den internationalen städtebaulichen Wettbewerb um die Entwicklung des Stadtgebietes Rosenstein in Stuttgart. Cem Arat und Markus Weismann von asp Architekten und Jochen Köber von Koeber Landschaftsarchitektur stellen sich unseren Fragen zum Wettbewerb.

In zentraler, hauptbahnhofsnaher Lage soll in Stuttgart auf circa 85 Hektar eine deutliche Erweiterung des Rosensteinparks/Schlossgartens um 20 Hektar und die Schaffung von bezahlbarem Wohnraum realisiert werden. Welche Ausgangssituation haben Sie vorgefunden?

Obwohl über das Wettbewerbsgebiet schon seit Jahren diskutiert wird, ist die Fläche um das Paketpostamt und den inneren Nordbahnhof nach wie vor eine Art blinder Fleck, ein unbekanntes Terrain mitten in der Stadt, das kaum jemand kennt.

Luftbild (Foto: Amt für Stadtplanung Stuttgart)

Erst nach Realisierung des neuen Bahnhofes wird die Fläche zur Verfügung stehen. Im Moment ist das Areal fast vollständig von Gleisanlagen, Verkehrsbauwerken und Logistikflächen der Bahn besetzt. Es gibt einen hohen Bahndamm, der das dicht bewohnte Viertel um den Nordbahnhof nach Osten zu den Parkanlagen des Schlossgartens abtrennt. Hinter dem Damm erstreckt sich ein riesiges, dreieckig zugeschnittenes Plateau mit Gleisanlagen, das sich zum Hauptbahnhof hin verjüngt. Zum Schlossgarten gibt es einen Topographiesprung von bis zu 14 m. Lediglich ein kleiner Teil des Wettbewerbsgebietes im Norden, rund um die Kultureinrichtungen und Ateliers der Wagenhallen, ist nicht von Bahnflächen belegt, und könnte auch schon früher entwickelt werden. 

Um eine Vorstellung von der Größe und Bedeutung des Areals zu gewinnen, sind folgende Zahlen ganz hilfreich: In Zukunft können nach unseren Planungen etwa 6.000 bis 7.000 Wohnungen und über 200.000 qm für gewerbliche und kulturelle Nutzungen entstehen. Zusätzlich über 100.000 qm für Schulen und weitere Bildungseinrichtungen, Sport- und Schwimmhallen, Pflegeeinrichtungen und Quartiershäuser. Von den 80 ha werden allein 27 ha für die Parkerweiterung und insgesamt 36 ha für Grünflächen vorbehalten sein. Alle Flächen befinden sich im Besitz der Stadt Stuttgart. Weitere 20 ha im Anschluss an das benachbarte Nordbahnhofviertel stehen ebenfalls zur Verfügung und waren Teil der Planungsaufgabe. 

Lageplan (Zeichnung: asp Architekten GmbH / Koeber Landschaftsarchitektur GmbH)
Welche Vorstellungen von Stadt und Gemeinschaft liegen Ihrem Entwurf zugrunde?

Wir haben unserem Entwurf drei Begriffe vorangestellt, die uns als Leitbild gedient haben: urban, resilient und radikal grün.

Urbanität entsteht einerseits durch Dichte, andererseits durch Vielfalt. Vielfalt der Nutzungen und Vielfalt der Menschen, die in einer Stadt leben – also alle Altersgruppen, alle sozialen Schichten und alle Herkünfte.

Resilienz bedeutet eine hohe Widerstandsfähigkeit gegenüber äußeren Einflüssen. Insbesondere gegenüber Einflüssen des Klimawandels, aber auch gegenüber Einflüssen, die eine Stadt von innen aushöhlen, wie z. B. Gentrifizierung. Ein neuer Stadtteil muss flexibel und anpassungsfähig sein. Er muss in der Lage sein künftige, heute noch nicht vorhersehbare Entwicklungen zuzulassen, und nicht alles schon vorzubestimmen.

Radikal grün bedeutet eine Reduzierung der Flächenversiegelung auf ein absolutes Minimum, ein Verzicht auf Tiefgaragen und andere unterirdische Bauwerke, die die natürliche Versickerung des Regenwassers verhindern könnten. Außerdem ein intelligentes Regenwassermanagement und der großflächige Einsatz von Laubbäumen im Straßenraum. Nur so kann der sommerlichen Überhitzung in dem engen Stuttgarter Talkessel entgegengewirkt werden. Der neue, vernetzte Stadtteil produziert nicht nur Energie für sich und seine Nachbarschaft, sondern auch Frischluft.

Wir denken, dass wir all dies am besten erreichen können, wenn wir die vorhandenen Strukturen der umgebenden, gewachsenen Stadt erkennen, aufnehmen und weiterentwickeln. 
Auch wenn es paradox klingt: Unser Entwurf ist ein radikal gedachter Städtebau, der zugleich nicht ohne sensible Einfügung funktionieren kann. 

Gleisbogenpark mit vielfältigen Möglichkeiten zur Aneignung (Visualisierung: asp Architekten GmbH / Koeber Landschaftsarchitektur GmbH)
Grüner Quartiersplatz (Visualisierung: asp Architekten GmbH / Koeber Landschaftsarchitektur GmbH)
Und welche Besonderheiten liegen Ihrem Entwurf beim Umgang mit der Erschließung und der (Ge-)Wichtung von Nutzungen und Bebauung zugrunde?

Die Baustruktur des neuen Quartiers ist so kleinteilig wie möglich, damit das Feld nicht den großen Projektentwicklern überlassen wird, sondern unterschiedliche Akteure an der Realisierung beteiligt werden können. Wir hoffen auf genossenschaftliches Bauen, Baugruppen, soziale und öffentliche Träger etc.. Da alle Flächen im Besitz der Stadt sind kann an dieser Stelle eine andere Bodenpolitik betrieben werden – das ist eine große Chance. 

Wir haben vier neue Quartiere mit unterschiedlichem Charakter und Nutzungsmischungen definiert:

Das bahnhofsnahe Europaquartier soll die Monofunktionalität des angrenzenden Europaviertels aufbrechen und die Parkkante entlang der historischen Achse mit öffentlichen Nutzungen aufwerten.

Das Rosensteinquartier knüpft an die Straßen des Nordbahnhofviertels an und nimmt die Körnung der historischen Blöcke auf; allerdings in viel größerer Verdichtung. Drei Nachbarschaften mit eigenen Quartiersplätzen werden definiert. Zum öffentlichen Raum hin erhalten sie erdgeschossig Flächen für Gewerbe und Dienstleistungen, zur Mitte hin soziale und gemeinschaftliche Nutzungen. Nach außen zeichnen sich die Blöcke klar ab, können sich aber nach innen in vielfach interpretierbaren Strukturen frei entwickeln. 

Der Campus Rosenstein ist als generationenübergreifender Bildungsstandort mit direktem Bezug zum Rosensteinpark konzipiert. Zentrum und Identitätsanker bildet der historische Lokschuppen, der für kulturelle Zwecke, aber auch für Start-ups, genutzt werden kann.

Das vierte Quartier ist die Maker-City rund um die Wagenhallen. Sie ist als Experimentierfeld gedacht: für einen neuen Städtebau, für neue, ressourcenschonende Bauweisen und für eine intensive Durchmischung von Kunst, produzierendem Gewerbe, Wohnen und Arbeiten. In hybriden Bautypologien gibt es hier Platz für Ateliers, Werkstätten, Wohnungen und urbane Landwirtschaft.

Die Verkehrsinfrastruktur setzt auf den öffentlichen Nahverkehr, auf Sharing Mobility und Radfahrer. Sämtlicher Durchgangsverkehr durch die Quartiere wird vermieden. Es gibt eine Ringerschließung, den sogenannten „loop“, der die neuen Nachbarschaften und das Nordbahnhofviertel miteinander verbindet.

Freiraum in der Maker City mit Aneignungsflächen für Bewohner und Gewerbe (Visualisierung: asp Architekten GmbH/Koeber Landschaftsarchitektur GmbH) 
Welche Aufgaben hat die Freiraumplanung zu bewältigen?

Die größte Herausforderung war die Bewältigung der Topografie. Wir haben lange an einer Lösung gearbeitet, um einen natürlichen, fließenden Übergang in den Schlossgarten zu erhalten. Das ist extrem wichtig, weil ansonsten ein isoliertes Stück Stadt entstanden wäre. Die Verbindung der Stadtteile Nord und Ost ist von so fundamentaler Bedeutung für die Gesamtstadt, dass wir in der Konsequenz auch die B10/Cannstatter Straße (Anm. der Planer: deutschlandweiter Rekordhalter bei der Erzeugung von Feinstaub), die den Schlossgarten vom Stadtbezirk Ost trennt, abgesenkt und in einen Tunnel gelegt haben.

Die zweite wichtige Entscheidung war es, den Bahndamm des Gleisbogens so weit wie möglich abzutragen und einen neuen Park zu schaffen. Im Unterschied zum klassischen Landschaftspark des Schlossgartens und des Rosensteinparks wird der Gleisbogenpark ein urbaner und programmierter Park werden. Man könnte inhaltlich Vergleiche ziehen zu Superkilen in Kopenhagen oder dem Parc de la Vilette-Entwurf von O.M.A. – allerdings ist unser Entwurf viel grüner. 

Wir wollen ein feines Netz an Wegen etablieren, in dem die Zwischenräume in der weiteren Entwicklung mit unterschiedlichsten Aktivitäten und Angeboten belegt werden können. So entstehen Sport- und Spielflächen, aber auch Flächen für urbane Landwirtschaft, Marktplätze, Waldstücke oder Kornfelder. 

Der Park ist das Herzstück, die gemeinsame Mitte des neuen Stadtteils und des vorhandenen Nordbahnhofviertels. Idealerweise wird er sich in einem intensiven Prozess mit der Bürgerschaft und den Quartiersbewohnern weiter entwickeln.

Ein dritter wichtiger Baustein ist die bereits erwähnte Reduzierung der Flächenversiegelung auf ein absolutes Minimum, die Wiedergewinnung des Straßenraums für die Menschen durch die Schaffung eines autofreien Viertels. Unseren Leitsatz „radikal grün“ haben wir in diesem Zusammenhang nicht nur vor der Notwendigkeit der Klimaanpassung formuliert: Gerade die Qualität der Freiräume bekommt vor dem Hintergrund höherer Baudichten eine zentrale Bedeutung.

Gleisbogenpark und Park (Isometrie: asp Architekten GmbH/Koeber Landschaftsarchitektur GmbH) 
See am Übergang zum Schlossgarten (Visualisierung: asp Architekten GmbH / Koeber Landschaftsarchitektur GmbH) 
Was wird die Qualität des neuen Quartiers ausmachen?

Das Rosenstein-Quartier wird ein innerstädtischer, urbaner, vielfältiger Stadtteil. Ein Quartier der kurzen Wege: autofrei, kinder- und familienfreundlich. Eine Stadt im menschlichen Maßstab. Eine Stadt, die offen und anpassungsfähig bleibt für zukünftige Entwicklungen und zugleich Orte mit starker Identität schafft.

Wohnstraße (Visualisierung: asp Architekten GmbH/Koeber Landschaftsarchitektur GmbH)  
Auf welche Erfahrung konnten Sie bei der Bearbeitung zurückgreifen?

Wir haben in einem interdisziplinären Team eng zusammengearbeitet und die Frage der Nachhaltigkeit auf allen Ebenen sehr ernst genommen. Gemeinsam mit unseren Partnern von ee concept aus Darmstadt und Philipp Bouteiller von der Berliner TegelProjekt GmbH haben wir unsere Erfahrungen in der Entwicklung und Zertifizierung nachhaltiger Quartiere genutzt und weitergedacht. Untersuchungen zu Sonnenständen, Verschattungsszenarien und Frischluftschneisen haben wir in die Stadtstruktur übertragen und neu über Infrastruktur-Hubs, Stoffkreisläufe, Müllentsorgung, Logistik etc. nachgedacht. Und natürlich haben wir viele Ideen aufgreifen können, die wir im Team mit Jochen Köber in den letzten Jahren entwickelt haben.

Unser Prinzip der maßstabsübergreifenden Architektur – das Kleine im Großen zu denken und umgekehrt – hat uns bei diesem Projekt sehr geholfen. Dieser Ansatz ermöglicht es uns einerseits auf der Ebene übergeordneter, strategischer Ziele zu denken, und gleichzeitig die Bedürfnisse späterer Nutzer im Blick zu behalten.

Regelwerk Rosenstein-Quartier: robuster Rahmen und flexible Bausteine (Piktogramm: asp Architekten GmbH / Koeber Landschaftsarchitektur GmbH)  
Ist schon ein Rahmenplan in Arbeit?

Nein, noch nicht. Aber eine Beauftragung zur Entwicklung eines städtebaulichen Rahmenplanes soll nach der Diskussion in den Gremien der Stadt in Kürze erfolgen.

Regelwerk Maker City (Piktogramm: asp Architekten GmbH / Koeber Landschaftsarchitektur GmbH)  
Rosenstein-Quartier – Ideen für den neuen Stadtteil, Stuttgart
Städtebaulicher Planungswettbewerb
 
Auslober/Bauherr: 
Landeshauptstadt Stuttgart, Amt für Stadtplanung und Stadterneuerung, Stuttgart
 
Jury
Prof. Dr. Franz Pesch, Vors. | Prof. Ulrike Böhm | Prof. Fabienne Hoelzel | Andreas Hofer | Dr. Detlef Kron | Prof. Ulrike Lauber | Markus Müller | Peter Pätzold | Prof. Christa Reicher | Prof. Leonhard Schenk | Prof. Matthias Schuler | Prof. Antje Stokman | Prof. Dr. Martin Lanzendorf
 
1. Preis nach Überarbeitung
Architekt: asp Architekten GmbH, Stuttgart
Landschaftsarchitekt: Koeber Landschaftsarchitektur GmbH, Stuttgart
Verkehrsplaner: Koehler & Leutwein - Ingenieurbüro für Verkehrswesen, Karlsruhe
Sachverständige: Dr. Bouteiller Consulting, Berlin
Energieplaner: ee concept gmbh, Darmstadt

2. Preis
Architekt: Laux Architekten GmbH
Landschaftsarchitekt: terra.nova Landschaftsarchitektur
Energieplaner: Ingenieurbüro Hausladen GmbH
Verkehrsplaner: Inovaplan GmbH
 
3. Preis
Architekt, Stadtplaner: ARS Thomas Herrmann und Martin Hornung
Landschaftsarchitekt: Grüne Welle, lebendige Landschaftsarchitektur
Verkehrsplaner: BrennerPlan GmbH - Planungsgesellschaft für Verkehr, Stadt und Umwelt
Stadtforscher: Reallabor Space Sharing, Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart
 
4. Preis
Architekt, Stadtplaner: Tovatt Architects & Planners
Landschaftsarchitekt: Ramboll Studio Dreiseitl
Energieplaner: Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE
Verkehrsplaner: StetePlanung Büro für Stadt- und Verkehrsplanung
Stadtforscher: Urban-Think Tank
Stadtforscher: Prof. Dr. Christina Simon-Philipp
Stadtforscher: Verena Loidl

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