Würdige Erben von Sitte

Ulf Meyer
5. Januar 2021
110'000 Gesteinsblöcke aus Valser Quarzit prägen den Sechseläutenplatz in Zürich. (Foto: Manuel Bauer / Agentur Focus)

Das Buch „Die neue Öffentlichkeit“ stellt europäische Stadtplätze vor. Hilde Barz-Malfatti und Stefan Signer ist eine inspirierende und ansprechend ausgestaltete Sammlung gelungen.

„Moderne Stadt-Plätze in Europa holen die Landschaft in die Innenstädte – mit starken räumlichen Kompositionen, Geometrien, Materialien und Reliefs“, so lautet das Postulat eines schön gestalteten Bandes aus dem Weimarer Verlag M Books über „Die neue Öffentlichkeit“ in Europas Städten. Wenn Städte dichter werden und es mehr kleine Wohnungen gibt, kommt dem urbanen Freiraum eine wichtigere Rolle zu. 

Von Russland bis Spanien haben Hilde Barz-Malfatti und Stefan Signer 32 „überzeugende“ Platzgestaltungen zusammengetragen, die seit der Jahrtausendwende fertiggestellt wurden. Die Auswahl der Entwürfe ist also subjektiv, aber das ist kein Manko. Die Autor*innen sortieren ihre Beispiele in acht Gruppen. Barz-Malfatti war Professorin an der Universität Weimar, und Signer ist Architekt in Leipzig. 

Der Falconplein in Antwerpen hat die Form einer Linse. Er gehört zu den Entdeckungen, die das Buch bereithält. (Foto: Van den Berk Boomkwekerijen) 
Die Pflasterung am Stephansplatz in Wien wirkt wie ein horizontales Kommunikationsdesign. (Foto: Hertha Hurnaus)

Einige unvermeidliche Projekte wie Superkilen in Kopenhagen von Topotek 1 aus Berlin in der Rubrik „Die Aktiven“ sind dabei, aber auch Entdeckungen wie der Falconplein in Antwerpen, der die Form einer Linse hat. Alle Fallstudien werden detailliert auf je zehn Seiten mit schönen Fotos und deskriptiven Texten vorgestellt. Die wahre Sensation des Buches sind jedoch die feinen Zeichnungen aller Plätze. Die grafischen Analysen in Schwarz-Weiß schaffen eine Vergleichbarkeit zwischen den Platztypen, wie es sie seit Camillo Sitte vor hundert Jahren nicht mehr gegeben hat. Die breite Auswahl zeigt zeitgenössische Lösungen für Pflanzkonzepte, Pflasterungen, Mobilitäts-Angebote und Ideen für Plätze „als Stabilisatoren heterogener Bereiche“, wie die Autor*innen es (über-)vorsichtig nennen. 

„Die neue Öffentlichkeit“ ist kein sprödes Planer-Handbuch, sondern eine inspirierende, aber auch eher unkritische Sammlung von Ansätzen, den Individualverkehr zu bändigen. Nach Jahrzehnten der Vernachlässigung ist die postulierte „Renaissance der Stadtplätze als öffentliche, barrierefreie und robust nutzbare Freiräume“ eine Freude.

Die Piazza del Sole liegt zu Füßen des Castelgrande in Bellinzona. (Foto: David Valinsky)
Der Israels Plads in Kopenhagen dient für Freizeit und Sport. (Foto: Rasmus Hjortshøj – COAST)
Die neue Öffentlichkeit. Europäische Stadtplätze des 21. Jahrhunderts

Die neue Öffentlichkeit. Europäische Stadtplätze des 21. Jahrhunderts
Hilde Barz-Malfatti und Stefan Signer

230 x 300 Millimeter
384 Seiten
443 Illustrationen
Fadengebundene Hohlrückenbroschur mit Schutzumschlag
ISBN 9783944425122
M Books
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