Ohne Umwege zum Klimaziel

Manuel Pestalozzi
18. Oktober 2021
Der EUREF-Campus erstreckt sich vom Bahnhof Flughafen bis zum Baggersee. Ihm beigegeben ist der Mobilitäts-Hub. (Visualisierung: EUREF AG)

Im September erfolgte der erste Spatenstich für den EUREF-Campus Düsseldorf zwischen Flughafenbahnhof und Lichtenbroicher Baggersee. Gleich von Anfang an soll der neue Campus die von der Bundesregierung gesteckten CO2-Klimaschutzziele für 2045 erfüllen.

EUREF steht für Europäisches Energieforum. Die 2007 gegründete Aktiengesellschaft hat ab jenem Jahr in Berlin um den historischen, stillgelegten Gasometer Schöneberg ein ca. 5,5 Hektar großes Stadtquartier für Unternehmen aus den Bereichen Energie, Nachhaltigkeit und Mobilität realisiert. Vorstandsvorsitzender des Unternehmens ist der Architekt Reinhard Müller, der sich zuvor in Berlin eher um den Denkmalschutz bemüht hat und sich um die Sanierung des Brandenburger Tores und des Strandbads Wannsee verdient gemacht hat.

Der EUREF-Campus Berlin gilt als Referenzort für die Smart-City-Strategie des Landes Berlin und verheißt eine klimagerechte Zukunft – es überrascht nicht, dass die Sondierungen für eine Jamaika-Koalition auf Bundesebene Anfang Oktober dort stattfanden. Die Architektur will hinsichtlich Klimaneutralität vorbildlich sein und wurde vom angegliederten Architektur- und Bauleiterbüro EUREF-Consulting Gesellschaft von Architekten und Ingenieuren mbH geplant und ausgeführt. Es ist auch für den EUREF-Campus Düsseldorf zuständig. Mit einer Gesamtmietfläche von rund 40.000 m2 soll dieser eine strategische und inhaltliche Weiterentwicklung des EUREF-Campus Berlin sein. Auf der firmeneigenen Website ist die Rede von „einer besonderen Architektur, die trotzdem die Kreativität fördert und eine hohe Aufenthalts- und Arbeitsplatzqualität bietet.“

Campus und Mobility Hub sollen verschiedene zukunftsorientierte Akteur*innen zusammenbringen. (Plan: EUREF AG)

Das „Besondere“ ist in diesem Fall ein sechsgeschossiger Innovationscampus mit drei aufeinander folgenden gedeckten Atrien, der direkt mit dem S-Bahnhof Flughafen verbunden ist. Ihm angegliedert ist ein freistehender Mobilitäts-Hub als Erprobungs- und Gründungsplattform für die Mobilität der Zukunft. Beide Baugeschosse sind kompakte Körper mit durchgehenden Traufhöhen und gleichförmigen, eng gerasterten Vorhangfassaden. Die Introvertiertheit des Campus bekräftigen die Atrien, die begrünt sind, jeweils einen eigenen Charakter haben und identitätsstiftend sein sollen. Im größten der drei ist sogar eine verglaste „Gasometer Kuppel“ geplant, welche wohl an den Berliner Campus erinnern und als Event Location für bis zu 600 Personen dem Klima des Aufbruchs eine Form geben soll.

Die Gemeinschaftsflächen im Inneren des Campus sollen Identität stiften. (Plan: EUREF AG)

Eine herausragende Rolle spielt, nicht überraschend, die Haustechnik. Das Erreichen der CO2-Klimaschutzziele, welche die Bundesregierung für 2045 gesteckt hat, soll unter anderem die Einbindung von erneuerbaren Energieträgern und neuartigen Energiespeichern in ein digitales Microgrid gewährleisten. Ähnlich wie in Berlin möchte man auch in Düsseldorf mithilfe dieses Microgrid-Ansatzes ein bedarfsgerechtes und intelligentes Management von Energieflüssen ermöglichen. Ankermieter ist ein Experte auf diesem Gebiet: Das Unternehmen Schneider Electric, das im EUREF-Campus Düsseldorf seinen neuen Deutschland-Hauptsitz einrichten und mit rund 750 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus dem nahegelegenen Ratingen hierher umziehen wird. Neben ihm sollen sich Start-ups, regionale und international agierende Unternehmen aus den Bereichen Energie, Mobilität und Umweltschutz sowie der Klimaschutztechnik ansiedeln. 70 Prozent der Fläche sei bereits vermietet, vertraute im August EUREF-AG-Vorstandsvorsitzender Reinhard Müller dem WDR an. 

Eine „Gasometer Kuppel“ erinnert an den ersten EUREF-Campus in Berlin und wird wohl das repräsentative Zentrum des Baukomplexes bilden. (Visualisierung: EUREF AG) 
Beste Luftqualität

Hochmoderne Lüftungsanlagen für alle Nutzungsbereiche werden den gesamten Campus kontinuierlich mit Frischluft versorgen. Die Reinigung von Staub erfolgt durch die herkömmliche mechanische Filterung mit verbesserter Filterwirkung. Die Reinigung von Schadstoffen und Feinstaub sowie die Neutralisierung des Kerosingeruchs wird durch den Einsatz von Ionisation erreicht. Durch den Einsatz von UV-C Bestrahlung, die bereits auf dem Campus in Berlin zum Einsatz kommt, werden 99,9% aller bekannten Viren aus der Luft gefiltert – nicht nur in Corona-Zeiten, sondern auch in der jährlichen Grippesaison soll diese „wichtige Errungenschaft“ zur Geltung kommen. Zusätzlich zur Reinigung und Bestrahlung der Außenluft, wird die Zuluft für ausgewählte Bereiche (durch den Einsatz von Ionisation) auf eine sehr gute Qualität gebracht. Mit dieser Technik unterscheidet sich der Campus von vergleichbaren Gebäuden, sie wird üblicherweise nur für die Reinraumtechnik eingesetzt – also für Räume mit hohem Anspruch an die Raumluftqualität.

Die Pflanzen in den Atrien sollen einen Beitrag an das gute Klima leisten. (Visualisierung: EUREF AG)

Diese so konsequent wirkende „Ausfilterung“ der restlichen Welt hinterlässt aufgrund der Erläuterungen wie auch der Visualisierungen der Innenräume den Eindruck einer schon fast extraterrestrischen Installation, ohne emotionale Anknüpfungspunkte an die Umgebung. Dies ist etwas unheimlich, gerade wenn man bedenkt, dass sich auch Bundespolitiker*innen gerne vor diese Zukunftskulisse stellen und sie dann als exemplarisch und vorbildlich wahrgenommen wird. Es bleibt zu hoffen, dass der Eindruck nur durch die gegenwärtige Darstellung des Projekts entsteht und sich hier nicht ein baukultureller Umbruch in Richtung generelle Abschottung ankündigt. Die Fertigstellung des EUREF-Campus Düsseldorf ist gemäß WDR auf das Jahr 2024 geplant.

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