Landbaukultur-Architektur

Manuel Pestalozzi
18. Oktober 2021
Die zu Wohnzwecken umgenutzte Scheune in Vlotho-Exter wurde mit einer Sitzecke versehen. Das Projekt gewann den 1. Preis Deutschland. Platz gibt es hier viel. (Foto: © Landbaukultur-Preis)

Die zum Landwirtschaftsverlag gehörende Stiftung LV Münster hat zum vierten Mal den mit 30'000 Euro dotierten Landbaukultur-Preis vergeben, mit dem ausgezeichnet wird, wer Zweckmäßigkeit mit Ästhetik verbindet. In Deutschland wurde in der Ausgabe 2020/2021 die Umnutzung einer Scheune ausgezeichnet.

Der Landbaukultur-Preis hat seine Wurzeln in Westfalen-Lippe. Dort wurde er 2014 vom Ehrenpräsidenten des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbandes, Franz-Josef Möllers, initiiert und wesentlich finanziert. Er wollte mit diesem Preis zu einem fruchtbaren Dialog von Landwirtschaft und Architektur anregen; geleitet von dem Grundsatz, „das Schöne ist mit dem Nützlichen zu verbinden“. Trägerin ist die 2012 vom Landwirtschaftsverlag in Münster-Hiltrup gegründete Stiftung LV Münster. Sie hat den Zweck, für den ländlichen Raum Wissenschaft, Bildung, Kunst und Kultur sowie den Denkmalschutz zu fördern.

Die Auszeichnung will dazu anregen, ausgehend von den ursprünglichen Wohn- und Wirtschaftsgebäuden darüber nachzudenken, in welcher Architektur und Landschaftsarchitektur eine zeitgemäße Landwirtschaft möglich ist. Dies geht nur, wenn die Fachleute aus den Sparten Landwirtschaft und Architektur eng zusammenarbeiten und sich austauschen.

Insgesamt bewarben sich 105 Bauherrschaften mit ihren Objekten um die Auszeichnung, die bei dieser Ausgabe auch Objekte aus Österreich und der Schweiz würdigte. „Die Qualität der eingereichten Objekte ist durchweg sehr hoch“, freute sich Susanne Wartzeck, Präsidentin des Bundes Deutscher Architekten, über das Ergebnis der Ausschreibung. Wartzeck leitete die insgesamt achtköpfige Fachjury aus fünf Architekten und drei Vertretern der Landwirtschaft. Prämiert wurden am Ende acht Objekte (vier Neubauten und vier Umbauten) in drei Kategorien: drei Hauptpreise, zwei Auszeichnungen und drei Anerkennungen.

Die vertikalen, lichtdurchlässigen Sonnenschutzpaneele der umgebauten Scheune in Vlotho-Exter erinnern an die alten Scheunentore. (Foto: © Landbaukultur-Preis)

Den 1. Preis Deutschland gewann der Umbau einer Scheune für private Wohnzwecke in Vlotho (Nordrhein-Westfalen), Deutschland. Bauherr war der Landwirt August Hermann Daube, für die Architektur waren schmersahl I biermann I prüßner Architekten PartG mbB aus Bad Salzuflen zuständig. Aufgabe war es, eine moderne Wohnung für die Hofnachfolgerin und ihre Familie zu realisieren. Mit dem Projekt sei es gelungen, die kompakte Hofanlage zu erhalten, meinte das Preisgericht.

Zur Herrichtung des mit einer Auszeichnung geehrten Gehöfts in Weikersheim gehört auch ein neues Nutzungskonzept. (Foto: © Landbaukultur-Preis)

Eine Auszeichnung erhielt der Umbau eines Hofes in Weikersheim, Baden-Württemberg, und die Gestaltung seiner Außenanlage. Hier ging es um nichts weniger als die „Rettung“ des Anwesens. Als Bauherren traten Prof. Dr. Martina Klärle und Andreas Fischer-Klärle auf. Mit den Ideen des zur Eigentümerfamilie gehörenden Architekten Rolf Klärle, architekturbüro KLÄRLE, Bad Mergentheim, ist ein stimmiges Ensemble entstanden, in dem der ursprüngliche Baustoff Naturstein mit einer neuen Holzverschalung verbunden wird. Der Anspruch, die Gebäude energieautark herzurichten, ist eingelöst; der Hof produziert mit seinen Fotovoltaik-Dächern mehr Energie, als an Strom und Wärme im Jahr benötigt werden. Überzeugend ist auch das vielfältige Nutzungskonzept aus Gewerbe, Wohnen und Flächen für die Dorfgemeinschaft.

Naturstein, Holz und Photovoltaik geben dem Anwesen sein jetziges Gepräge. (Foto: © Landbaukultur-Preis)

Etwas überraschend ist, dass das Thema Landwirtschaft bei der Präsentation dieser ausgezeichneten Bauwerke überhaupt nicht auftaucht. Der Gedanke an agrarische Produktion und Rendite kommt schon gar nicht richtig auf. Ob die Pflege der idyllischen Beschaulichkeit, angereichert mit etwas Fotovoltaik, die Zukunft der Landbaukultur sein kann? Gerne hätte man auf den Fotos noch einen Getreidesilo oder zumindest ein Huhn ausfindig gemacht. Etwas Trost boten die Anerkennungen. Dort kamen der Neubau eines kleinen Hühnerstalls in Schönberg, Bayern, Bauherr und Architekt: Maximilian Hartinger, und der Neubau eines Bienenhauses in Riedering-Heft, Bayern, Bauherrin: Stephanie Forster, Architekt: Tobias Küke, A Klagenfurt, zur Ehren. Diese Kleinbauten, die wohl eher als Liebhabereien zu betrachten sind, erachtete die Jury als nachahmenswert.

Auch kleine Hühnerställe sind Landbaukultur. Dieser in Schönberg, Bayern, erhielt eine Anerkennung. (Foto: © Landbaukultur-Preis)

Andere Artikel in dieser Kategorie