Anandaloy ausgezeichnet

John Hill, Katinka Corts
28. Oktober 2020
Anandaloy under construction (Photo © Stefano Mori)

Das Anandaloy-Gebäude der deutschen Architektin Anna Heringer – ein kombiniertes Zentrum für Menschen mit Behinderungen und Textilstudio im Norden Bangladeschs – hat die zweite alljährlich verliehene Auszeichnung der Henrik Frode Obel Foundation erhalten.

Das zweistöckige Gebäude aus Lehm und Bambus erhält den Obel Award ein Jahr nach der erstmaligen Vergabe des Preises an Junya Ishigamis Water Garden im japanischen Tochigi. Mit dem Preis sollen aktuelle und herausragende Architekturbeiträge zur menschlichen Entwicklung weltweit gewürdigt werden, so die Auslober. Dotiert ist er mit einem Preisgeld von 100'000 Euro und einem Kunstwerk von Tomás Saraceno.

Foto © Kurt Hoerbst

Gemäß einer Pressemitteilung der Obel Foundation hat die Auszeichnung jedes Jahr ein besonderes Schwerpunktthema. Für das Jahr 2020 lautet er „MENDING – kreatives Ausbessern durch klimapositives Bauen oder Gestalten“. In den Worten der Jury (ungekürzt am Ende), „ist das Projekt in seiner Gesamtheit eine vielschichtige Antwort auf die Herausforderung der Ausbesserung, indem nachhaltiges, soziales und architektonisches Design geschickt miteinander verflochten werden“. Das Gebäude erinnert an Heringers erstes fertiggestelltes Projekt, die mit dem Aga-Khan-Preis für Architektur ausgezeichnete METI Schule, die sich ebenfalls in Bangladesch befindet und von Einheimischen in Zusammenarbeit mit der Architektin von Hand erbaut wurde.

Foto © Kurt Hoerbst

Die markanten Lehmwände des Gebäudes „wölben sich und tanzen“, so die Architektin, und warten mit Überraschungen auf, wie z.B. den Höhlen (Foto unten), „die entweder einen Platz bieten, an dem es Spaß macht, sich zu bewegen, oder einen ruhigen Raum, wenn man sich einen Augenblick lang geschützt und umarmt fühlen möchte“. Eine gewundene Rampe führt in den ersten Stock, wo die außenliegenden Gänge durch ein großzügiges, von Bambus gestütztes Dach vor den Elementen geschützt sind. Funktionell ist das Erdgeschoss dem Therapiezentrum für Menschen mit Behinderungen zugeordnet, während im ersten Stock Dipdii Textiles untergebracht ist, ein von Anna Heringer und Veronika Lang zusammen mit der NGO Dipshikha ins Leben gerufenes Projekt zur „Unterstützung lokaler Textiltraditionen und zur Verbesserung der Arbeitsmöglichkeiten“ von Frauen aus der Region.

Foto © Kurt Hoerbst
Begründung der Jury (ungekürzt):

Das Anandaloy-Gebäude ist nicht nur eine räumliche Lösung für eine Reihe sowohl grundlegender als auch spezifischer menschlicher Bedürfnisse, vielmehr ist das Projekt in seiner Gesamtheit eine vielschichtige Antwort auf die Herausforderung der Ausbesserung, indem nachhaltiges, soziales und architektonisches Design geschickt miteinander verflochten werden. Anna Heringer selbst beschreibt die Rolle ihres Berufstandes wie folgt: Architektur ist ein Instrument, um Leben zu verbessern.

Anandaloy, was übersetzt Ort der tiefen Freude bedeutet, beherbergt ein Therapiezentrum für Menschen mit Behinderungen im Erdgeschoss, während im ersten Stock eine Fair-Trade-Werkstatt zur Textilherstellung für einheimische Frauen untergebracht ist. Architektonisch lotet das Gebäude die plastischen Fähigkeiten von Bambus und Stampflehm aus, um eine stärkere Identität zu erzeugen und dadurch Nonkonformität und Vielfalt zu zelebrieren. Anstatt linear angelegt zu sein, tanzt das Gebäude in Bögen und eine Rampe windet sich spielerisch um seine innere Struktur.

Ausschließlich aus lokalen Materialien und mit den Kenntnissen der lokalen Handwerkskunst gebaut, respektiert das Anandaloy-Projekt die lokale Kultur und Tradition. Mit einem sehr einfachen Design und einer dezenten Herangehensweise gelingt es dem Projekt dennoch, eine Vielzahl menschlicher Bedürfnisse und programm-bezogener Funktionen zu integrieren, ohne dabei die Umwelt zu schädigen.

Siehe auch: Louisiana Chanels Acht-Minuten-Interview mit Heringer über Anandaloy (auf Englisch). 

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