Vorbildliches Betonrecycling

balda architekten
10. Februar 2021
Der Pavillon fügt sich harmonisch in die Grünanlagen des ehemaligen Landesgartenschauparks ein (Foto: Stefan Meyer Architekturfotografie)

Das Büro balda architekten hat im ehemaligen Landesgartenschaupark Würzburgs eine Bildungs- und Beratungsstelle zum Thema Umwelt, Klima und Nachhaltigkeit fertiggestellt. Angela und Franz Balda wählen Bilder und Pläne und beantworten unsere Fragen zum Projekt.

Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?

Die neue Umweltstation sollte in ihrer technisch-konstruktiven Ausführung den Gedanken eines effizienten Umgangs mit natürlichen Ressourcen widerspiegeln. Das Bauvorhaben wurde gefördert von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU). Zur fachlichen Unterstützung wurde die „Recyclingbeton- Pionierin“ und Umweltpreisträgerin Prof. Dr. Ing. Angelika Mettke von der Brandenburgischen TU Cottbus-Senftenberg mit ins Boot geholt. Am Ende ist ein waschechtes bayerisches Pilotprojekt entstanden: erstmalig wurde Recyclingbeton bei einem öffentlichen Gebäude in Bayern eingesetzt. Von der Bodenplatte bis zur Decke besteht das Gebäude aus Ortbeton mit re­cy­c­leten Zuschlägen, zum Teil in Sichtbeton-Qualität.

Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?

Es sollte ein architektonisch und energetisch zukunftsweisender Bau entstehen, der den ökologischen Grundgedanken der Nachhaltigkeit sichtbar macht und ein beispielhaftes Projekt mit Modellcharakter für ökologisch-nachhaltiges Bauen darstellt.

Foto: Stefan Meyer Architekturfotografie
Wie reagiert der Entwurf auf den Ort?

Ein neues Zuhause für die anlässlich der Landesgartenschau 1990 gegründete Umweltstation war Ziel und Aufgabe des 2015 ausgelobten Realisierungswettbewerbs. Das bestehende Gebäude wurde aufgrund seines begrenzten Platzangebotes und der schlechten Bausubstanz den Ansprüchen nicht mehr gerecht. Entstanden ist ein verglaster, ovaler Pavillon, der sich mit seinen zwei Geschossen harmonisch in die Grünanlagen des Landesgartenschauparks und der denkmalgeschützten Bastionsanlagen der Festung Marienberg einfügt. Die Topographie wurde genutzt, um sowohl mit Eingangs- als auch Bastionsebene ebenerdig an das umgebende Gelände anzuschließen. Die raumhohe Verglasung und die niveaugleiche Anbindung der Seminarräume im Obergeschoss ermöglichen eine intensive Interaktion von Innen- und Außenraum und eine Ausweitung von Seminaraktivitäten in den Skulpturenpark. Das äußere Erscheinungsbild der Umweltstation ist geprägt von dem umlaufenden Balkon in Sichtbeton, der mit seinem weiten Dachüberstand den baulichen sommerlichen Wärmeschutz unterstützt. Durch die unregelmäßig platzierten Rundhölzer aus unbehandeltem Lärchenholz fügt sich das Gebäude elegant und selbstbewusst in seine natürliche Umgebung ein und bildet einen Anziehungspunkt am Rand des sich anschließenden Landschaftsparks.

Wie Baumstämme wirken die unregelmäßig platzierten Rundstäbe aus Lärchenholz und schaffen einen fließenden Übergang vom Landschaftspark ins Gebäudeinnere (Foto: Stefan Meyer Architekturfotografie)
Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren NutzerInnen den Entwurf beeinflusst?

Die Vorstellung des Bauherrn und der Nutzer war ein zeitgemäßes Gebäude, das als Anschauungsobjekt für klima- und ressourcenschonendes Bauen dient und durch seinen Lehr- und Lernbetrieb zur Vermittlung von Themen der Nachhaltigkeit und Ökologie in der Öffentlichkeit beiträgt. Der Bauherr war von Beginn an intensiv an der Findung des für ihn optimalen Gebäudes eingebunden. Im Nachgang an den Wettbewerb haben wir in engem Dialog die genaue Materialisierung der Umweltstation erarbeitet und festgelegt.

Blickfang im Foyer ist die gewendelte Treppe (Foto: Stefan Meyer Architekturfotografie)
Wie hat sich das Projekt vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk verändert?

Vergleicht man das fertiggestellte Gebäude mit der anlässlich des Wettbewerbs angefertigten Visualisierung, wird man feststellen, dass wir mit der Realisierung sehr nahe am Entwurf bleiben konnten. Lediglich im Grundriss wurden kleinere Änderungen vorgenommen, wie zum Beispiel Lage und Form der Treppe, die im Wettbewerb noch geradlinig vom Erdgeschoss ins Obergeschoss führte und sich jetzt mit ihrer geschwungenen Form als Blickfang in den elliptischen Grundriss einfügt. Im rückwärtigen, in den Hang eingegrabenen Bereich im Erdgeschoss wurden die Wände rechtwinklig ausgeführt, um effektivere Raumnutzung für die Technik zu ermöglichen.

Beeinflussten aktuelle energetische, konstruktive oder gestalterische Tendenzen das Projekt?

Die Baubranche zählt zu den ressourcenintensivsten Wirtschaftszweigen, aber der Neubau der Umweltstation Würzburg zeigt, dass auch in diesem Bereich eine Kreislaufwirtschaft möglich ist. Rund 1'400 t Beton wurden bei der Umweltstation verbaut, circa 75% davon sind jedoch Recyclingmaterial. Dadurch werden die für die konventionelle Betonherstellung notwendigen Schotter- und Kiesressourcen geschont. Kommt das Recyclingmaterial auch noch aus der Nähe – für den Neubau der Umweltstation wurde eine alte Autobahnbrücke der nahe gelegenen A3 geschreddert – entfallen die sonst notwendigen Schwerlasttransporte. Zudem fällt der Gesamtenergieverbrauch in der Herstellung bei Recyclingbeton geringer aus als bei herkömmlichem Beton. Auch sonst setzt die Umweltstation passend zu ihrer Funktion ein Zeichen in Sachen ökologisches und nachhaltiges Bauen: eine Eisspeicherheizung – ein kombiniertes Heiz-Kühlsystem – versorgt das Gebäude mit Wärme und Kühlung, der Strombedarf für die Umweltstation wird über die auf dem Dach integrierte Photovoltaik-Anlage generiert. Auf die Verwendung von Verbundwerkstoffen wurde verzichtet, sodass die verwendeten Baustoffe später wieder recycelt werden können. Das ZAE Bayern begleitet die Nutzung seit Fertigstellung mit einem umfangreichen Monitoringprogramm, das einen energieeffizienten Betrieb der Umweltstation sicherstellt. Ein Teil der energetischen Daten wird für Besucher der Umweltstation online visualisiert. 

Die reduzierte Materialwahl schafft eine angenehme Atmosphäre (Foto: Stefan Meyer Architekturfotografie)
Welche speziellen Produkte oder Materialien haben zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?

Die Reduzierung auf wenige Materialien und Oberflächen führt zu einer zurückhaltenden Gesamterscheinung. Die unregelmässig platzierten Rundstäbe aus Lärchenholz stellen – an Baumstämme erinnernd – den Bezug zum direkt anschließenden Landschaftspark her. Im Foyer bilden Sichtbetonwände und ein geschliffener Estrich den Hintergrund für die gewendelte Treppe mit ihren Seitenwänden aus Stahl. Das Industrie-Eichenparkett als Treppenbelag setzt sich im Obergeschoss fort. Trennwände, Türen und Einbaumöbel aus Weißtanne schaffen eine warme Atmosphäre und das große Oberlicht lässt viel Tageslicht ins Gebäudeinnere fließen. In den Seminar- und Büroräumen sorgen Segel aus Holzwolle-Leichtbauplatten für eine angenehme Raumakustik.

Lageplan (Zeichnung: balda architekten)
Grundriss Erdgeschoss (Zeichnung: balda architekten)
Grundriss Obergeschoss (Zeichnung: balda architekten)
Schnitt (Zeichnung: balda architekten)
Darstellung aus dem Wettbewerb (Visualisierung: Jonas Bloch, München)
Umweltstation der Stadt Würzburg
2019
Nigglweg 5
97082 Würzburg

Nutzung
Bildungs- und Beratungsstelle zum Thema Umwelt, Klima und Nachhaltigkeit

Auftragsart
Auftrag nach 1. Preis Realisierungswettbewerb
 
Bauherrschaft
„Die Stadtreiniger“, Würzburg (Eigenbetrieb der Stadt Würzburg)

Förderer des Projekts
DBU - Deutsche Bundesstiftung Umwelt
 
Architektur, Generalplaner
balda architekten GmbH, Fürstenfeldbruck
Franz Balda
 
Fachplaner
Objektplanung LPH 5-7: SCG Architekten, München 
Objektplanung LPH 8-9: IB Kessler & Rupp, Augsburg
Objektplanung Freianlagen: büro freiraum, Freising
Tragwerksplanung: Tragraum Ingenieure PartmbB, Nürnberg
HLS: Ingenieurgemeinschaft Hofer & Hölzl GmbH, Fürstenfeldbruck
ELT: VS planen & beraten GbR, Peiting
Bauphysik: PMI GmbH, Unterhaching
Brandschutz: Oehmke + Herbert mbH, Nürnberg
 
Ausführende Firmen
Rohbauarbeiten: Georg Göbel GmbH, Würzburg
Fassadenarbeiten: VHB – Vereinigte Holzbaubetriebe GmbH, Woringen
Dachabdichtung: Lummel GmbH & Co.KG, Karlstadt
Schlosserarbeiten: Lindner Metall, Crottendorf
Holzglaswände: Strähle Raum-Systeme GmbH, Waiblingen
Türen und Wandverkleidung: Hochrein-Hantschel GmbH, Bergrheinfeld
Einbaumöblierung: Schreinerei Wehr, Biebelried
Zimmererarbeiten (Holzstäbe Fassade): Holger Krauß GmbH & Co.KG, Leutershausen
Elektroinstallationsarbeiten: Reichhard-Elektro, Kitzingen
Heizungsarbeiten/Eisspeicher: Bechert Haustechnik GmbH, Schweinfurt
 
Hersteller
Pfosten-Riegel-Fassade: Raico
Außenverschattung: Warema
Dämmung Flachdach: Bauder
Mobile Trennwand: Nüsing
F30-Türen: Schörghuber
Akustikdecke Seminar- und Büroräume: Heradesign
Türdrücker: FSB
 
Energiestandard 
Der Jahresprimärenergiebedarf liegt 55,2% unter dem geforderten Wert des kfW-Effizienzhauses 55 

Bruttogeschossfläche
779 m²

Gebäudevolumen
3.291 m³

Gebäudekosten KG 300 + 400
ca. 2.530.000 € brutto

Auszeichnung
Bundespreis Umwelt&Bauen 2020: Anerkennung 
 
Fotos
Stefan Meyer Architekturfotografie, Berlin u. Nürnberg

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