Charlie Living

GRAFT
20. Januar 2021
Charlie Living (Foto: BTTR GmbH)

GRAFT Architekten haben mit dem Projekt Charlie Living einen mächtigen Wohnkomplex in Berlin Friedrichsstadt fetiggestellt. Thomas Willemeit, Wolfram Putz und Lars Krückeberg berichten über das Projekt.

Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?

Thomas Willemeit: Auf einer der letzten großen Brachen auf dem ehemaligen Mauerstreifen in unmittelbarer Nähe zum Checkpoint Charlie entstand mit CHARLIE Living ein lebenswerter und öffentlich zugänglicher Wohnstandort. Das Ensemble aus vier Bauten mit insgesamt 291 Wohneinheiten schließt eine Lücke in der homogenen Blockstruktur der Friedrichstadt und öffnet sich gleichzeitig der Öffentlichkeit mit einer grünen Durchwegung. Urbanität und Wohnen im Grünen, ruhige Privatsphäre und Öffentlichkeit liegen unmittelbar nebeneinander und stehen beispielhaft für ein innerstädtisches kontrastreiches Wohnen der Zukunft. Ein Bekenntnis zum Wohnen im Herzen der Innenstadt.

Charlie Living (Foto: BTTR GmbH)
Charlie Living (Foto: BTTR GmbH)
Charlie Living (Foto: BTTR GmbH)
Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?

Lars Krückeberg: Das Projekt ist inspiriert von der Stärke der historischen Stadtstruktur und Bausubstanz und dem geschichtlichen Erbe der Wunden aus Kriegs-Zerstörung und anschließender Teilung der Stadt. Hier, wo im Herzen Berlins tiefe Wunden gerissen wurden, reagiert der Entwurf mit einer vervollständigten und wieder aufgebrochenen Block-Struktur, die eine neue Art von Zugänglichkeit herstellt. Der typische Berliner Hinterhof wird hier zum grünen Pfad durch die gesamt Blocktiefe und lädt Bewohner wie Besucher zu Abkürzungen zwischen Zimmer- und Mauerstraße ein.

Aus dem Wunsch nach Gartenbezug für jede Wohnung sind drei Fassaden-Typen entstanden, die auf unterschiedliche Art einen Übergangsbereich zwischen Innen und Außen schaffen: Mit hervortretenden voll verglasten Erkern zur Zimmerstraße, sich terrassierenden Loggien vor Glasfassaden in den Hofbereichen bis hin zu den gefalteten und mit Bäumen begrünten Terrassen im freistehenden Zentralgebäude. Außenraum und Grünbezug definieren die DNA der Architektur.

Charlie Living (Foto: BTTR GmbH)
Charlie Living (Foto: BTTR GmbH)
Wie reagiert der Entwurf auf den Ort?

Wolfram Putz: Die radikale Ambivalenz aus Blockrandbebauung und durchdringendem Landschaftsraum steht für eine Kombination zweier Ideale von Stadt aus der Berliner Geschichte: Der Berliner Blockrand und das Erbe der Gartenstädte in Berlin. CHARLIE Living ist der Versuch einer Integration beider Ideale von Stadt und der Verbindung von Urbanität und Wohnen im Grünen. Das Grünkonzept der Landschaftsplaner von MANMADELAND unterstützt mit einem fast tropisch anmutenden Garten die für eine solche innerstädtische Lage sehr ungewöhnliche frische Atmosphäre, die sich über die Bäume an der Fassade bis auf die für alle Bewohner zugänglichen Dachflächen fortzusetzen scheint. Erdgeschossige Gemeinschaftsbereiche, Sportflächen und Gastronomie ergänzen die öffentlichen Außenräume zu einem Kiez im Kiez.

Charlie Living (Foto: BTTR GmbH)
Charlie Living (Foto: BTTR GmbH)
Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren NutzerInnen den Entwurf beeinflusst?

Thomas Willemeit: Insbesondere der Glaube der Bauherrenschaft an Wohnen im Zentrum, inmitten vorrangig gewerblicher, administrativer und touristischer Nutzungen zu einer Zeit, als dies keineswegs selbstverständlich war, hat das Projekt maßgeblich mit beeinflusst. Die gemeinsamen Diskussionen zum direkten Nebeneinander von lebendiger Innenstadt und Wohnbedürfnissen nach Ruhe und Privatsphäre haben erst zu der ambitionierten und ambivalenten Struktur aus öffentlicher Durchwegung und qualitätsvollem ruhigem Landschaftsraum geführt.

Charlie Living (Foto: BTTR GmbH)
Charlie Living (Foto: BTTR GmbH)
Charlie Living (Foto: BTTR GmbH)
Beeinflussten aktuelle energetische, konstruktive oder gestalterische Tendenzen das Projekt?

Thomas Willemeit: Insbesondere die Entwicklung der Fassaden ist im Kontext der historischen Friedrichstadt und vor dem Hintergrund der vorherrschenden regelmäßigen Lochfassaden mit geschlossenem Fassadenbild zu sehen. Das Projekt bekennt sich zu hoher Transparenz mit großen Glasfassaden und großzügigen davorliegenden Loggien und Balkonen und damit zu Offenheit und Außenbezug, klimatisch verbunden mit einem einfachen Konzept für passive Verschattung. Grün nicht nur im Hof sondern an der Fassade steht für Lebensqualität, aber auch Kühlung. Die Integration von Landschaftsmotiven und Architektur ist damit ein klares Statement zugunsten grüner, nachhaltiger Wohnarchitektur im Zentrum, der Vernetzung von Stadt und Land.

Charlie Living (Foto: BTTR GmbH)
Charlie Living (Foto: BTTR GmbH)
Charlie Living (Foto: BTTR GmbH)
Welche speziellen Produkte oder Materialien haben zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?

Lars Krückeberg: Insbesondere die Verwendung von Alucobond als Fassadenmaterial hat die Präzision der Facettierung und Faltungen der Fassade erst ermöglicht. Metall auch bei Fensterprofilen und Brüstungen führt zu einem geschlossenen und farblich homogenen Bild, das die Reliefbildung und Tiefenstruktur der sehr transparenten Fassade lesbar macht.

Lageplan (Zeichung: GRAFT)
Grundriss erdgeschoss (Zeichung: GRAFT)
Schnitt (Zeichung: GRAFT)
Axonometrie (Zeichung: GRAFT)
Charlie Living
2020
Zimmerstraße 92-94
10117 Berlin
 
Auftragsart
Neubau eines Wohnquartiers mit 243 Mietwohnungen, Gewerbe und Hotel mit Tiefgarage
 
Bauherrschaft
Trockland
 
Architektur
GRAFT Gesellschaft von Architekten mbH, Berlin
Gründungspartner: Lars Krückeberg, Wolfram Putz, Thomas Willemeit Projektleiterin: Stefanie Götz
Projektteam: Agata Glubiak, Aleksandra Zajko, Alexandra Tobescu, Altan Arslanoglu, Anika Klos, Antonio Luque, Aurelius Weber, Cristina Freni Dennis Hawner, Djordje Zdravkovic, Dorothea Freiin von Rotberg, Evgenia Dimopoulou, Inga Anger, Iulian Ivan, Jakub Wreczycki, Jerzy Gerard Gabriel, Jia Chen, Julie Hoffmann, Konstantin Buhr, Lidia Beltran Carlos, Maria Angeles Orduna, Marta Piaseczynska, Mathilde Catros, Mats Karl Koppe, Matthias Eckardt, Oliver Rednitz, Primoz Strazar, Relana Hense, Sascha Krückeberg, Sven Bauer, Veronika Partelova, Xiufu Chen
 
Fachplaner
TGA Planung: decon Deutsche Energie-Consult GmbH, Dresden
Tragwerksplanung: Krebs und Kiefer Ingenieure GmbH, Berlin
Landschaftsplaner: MAN MADE LAND, Berlin
Brandschutz: hhpberlin, Berlin
Vermessung: Dipl. Ing. Claudia Zimmermann, Berlin
Bodenmechanik: IFK Ingenieurbüro für Geotechnik GmbH, Berlin
Akustik: Akustik- Ingenieurbüro Moll GmbH, Berlin
Bauphysik: Müller-BBM GmbH, Berlin
 
Hersteller
Rolltore: Hörmann
Parkett: Bembé Parkett
Sonnenschutz: Eurosun
 
Bruttogeschossfläche
33.100 m²
 
Gebäudekosten
k.A.
 
Fotos
BTTR GmbH

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